morgenstern: Die Grünen gewinnen schon wieder in der Mitte
Die Grünen erobern überraschend die Stadt München. Die SPD verliert auch Pfalz„>Rheinland-Pfalz. Fahri Yardim äußert sich zu den Vorwürfen gegen Christian Ulmen. Die Lage am Morgen.
Guten Morgen, liebe Leserinnen und Leser,
zum zweiten Mal in zwei Wochen setzte sich ein grüner Politiker in der bürgerlichen Mitte durch, nach Cem Özdemir vor zwei Wochen in Baden-Württemberg nun der weitgehend unbekannte Münchener Grüne Dominik Krause. Während am Abend die Republik nach Rheinland-Pfalz schaute, spielte sich in der bayerischen Landeshauptstadt das eigentliche Wahldrama ab. Gegen alle Erwartungen besiegte Krause dort den SPD-Amtsinhaber Dieter Reiter. Dabei hatte Reiter sechs Prozentpunkte Vorsprung vor der Stichwahl und sogar eine Wahlempfehlung der CSU-Spitze der Stadt.
Das Ergebnis ist ein Erdbeben für die Münchener SPD, die seit 1948 bis auf eine kurze Unterbrechung von 1978 bis 1984 durchgehend die Stadt regiert hat. Zwar hat das Ergebnis keinen Einfluss auf den Bundesrat und damit die Bundespolitik, aber in München leben immerhin 1,6 Millionen Menschen, zum Vergleich: in Rheinland-Pfalz sind es vier Millionen.
Ein 35-jähriger grüner Physiker schlägt den Favoriten
Das Interessante an Krause: Der gerade 35-jährige Physiker hat mit einem sehr fairen Wahlkampf gewonnen, vor allem durch Sachthemen gepunktet. Natürlich hat dem SPD-OB Reiter geschadet, dass er die Aufwandsentschädigung für seinen Posten im Verwaltungsrat beim FC Bayern nicht – wie vorgeschrieben – vom Stadtrat hatte genehmigen lassen. Ganz sicher eine große Rolle spielte aber, dass in München, wie in keiner anderen Stadt, bezahlbarer Wohnraum absolute Mangelware ist. Krause hat 50.000 Wohnungen in der Stadt versprochen – das wird allerdings nicht leicht einzuhalten sein.
Es gehört zu den ganz großen Versäumnissen der Sozialdemokraten, dass sie sich so wenig um bezahlbaren Wohnraum gekümmert haben. Und ganz offenbar, das zeigt auch die Niederlage des amtierenden SPD-Ministerpräsidenten Alexander Schweitzer in Rheinland-Pfalz, fehlt der SPD auch überzeugendes Personal.
Eingeklemmt zwischen Freundschaft und Solidarität
Die Vorwürfe, die Collien Fernandes gegen ihren Ex-Mann Christian Ulmen erhebt, wiegen schwer. Es geht um digitalen sexualisierten Missbrauch, um Deepfakes, um gefälschte Accounts auf Datingseiten. Am Sonntag demonstrierten in Berlin Tausende aus Solidarität mit Fernandes. Christian Ulmen selbst hat sich bislang nicht öffentlich zu den Vorwürfen geäußert.
Umso schwerer für jemanden wie Fahri Yardim, sich dazu zu verhalten. Er steht in der Öffentlichkeit, ist mit Ulmen befreundet, hat mit beiden gearbeitet. Dennoch hat er sich nun zur Sache geäußert, wenn auch vage. Aber den Versuch immerhin, sollte man ihm hoch anrechnen.
Yardim trägt zwar nichts zur Aufklärung bei, aber das wäre wohl auch zu viel erwartet. Der stern hat Ulmen bereits um Stellungnahme gebeten. Seine Anwälte reagierten mit einem allgemeinen Statement. Konkrete Fragen zu den Vorwürfen blieben unbeantwortet. Es heißt dort lediglich, in dem „Spiegel“-Bericht würden „unwahre Tatsachen aufgrund einer einseitigen Schilderung verbreitet“. Für Ulmen gilt die Unschuldsvermutung.
5-Minuten-Talk: Rheinland-Pfalz verloren, war’s das für Lars Klingbeil?
Die Chatgruppen brennen. In der Bundestagsfraktion, in den Ländern – überall in der SPD entlädt sich nach der Niederlage in Rheinland-Pfalz der Frust über den völlig verunglückten Start ins Wahljahr 2026. Hat die Partei in dieser Aufstellung überhaupt eine Zukunft?
Vor allem Lars Klingbeil steht unter Druck. Zu unsichtbar, zu blutleer, zu technokratisch, so lautet die Kritik. Schon kursieren Namen, die ihn an der Parteispitze ersetzen könnten. Doch Klingbeil denkt gar nicht ans Aufhören, er feilt für diese Woche an einem großen Auftritt. Meine Kollegen Veit Medick und Jan Rosenkranz analysieren die Stimmung in einer Partei, die am Abgrund steht:
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Das passiert am Montag, dem 23. März
- In Berlin widmen sich die Bundesgremien der Partei der Wahlanalyse. Vor allem SPD und FDP müssen ihren Frust verarbeiten.
- Der Bundesgerichtshof entscheidet heute über eine Klage der Deutschen Umwelthilfe gegen die Autokonzerne BMW und Mercedes Benz. Der Verband will die Unternehmen zum Schutz des Erdklimas verpflichten, ab 2030 keine Verbrenner mehr zu verkaufen.
- Die Italienerinnen und Italiener stimmen heute ab über die Justizreform der Ministerpräsidentin Giorgia Meloni. Die solle die Justiz beschleunigen und politisch unabhängiger machen, die linksliberale Opposition erwartet allerdings das Gegenteil – und ist strikt dagegen.
Unsere stern+-Empfehlung des Tages
Eigentlich ist Angst eine schützende Emotion, die hilft, einem auf gefährliche Situationen instinktiv zu reagieren. Leider ist die Sache mit der Angst nicht immer so einfach, denn viele Menschen leiden an Angststörungen. Das kann im Alltag sehr einschränkend sein.
In unserem aktuellen stern-Extra widmen wir uns deshalb der Angst. Im Interview erklärt zum Beispiel Angelika Erhardt, Oberärztin am Max-Planck-Institut für Psychiatrie in München, warum manche Angst-Patienten schwerer zu behandeln sind als andere:
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Matthias Urbach
Quelle: Stern
